„Robin Hood“ als Regiestreich an der Neuen Oper Erfurt // Thüringer Allgemeine

Porträt
  • Die Oper „Robin Hood“ von Albert Dietrich ist am Theater Erfurt zu sehen. Im Bild v.l.n.r.: Peter Schöne als Richard Löwenherz und Markus Petsch als Robin Hood. Foto: Marco Kneise
Versenkt diese Oper. Verbuddelt sie, wo der Sherwood Forest am tiefsten ist. Robin Hood von Albert Dietrich ist überholt, epigonal, einfach peinlich. So etwas auf die Bühne zu stellen, das braucht mehr als Mut, das braucht Unverfrorenheit. Das braucht ein Opernhaus, das sich was traut, und einen Regisseur mit sehr robustem Humor. So, nur so, geht es. Und so gewinnt Erfurt ein großes Trash-Vergnügen.

Erfurt. Wollte jemand „Robin Hood“ in vollem Ernst inszenieren, er machte sich lächerlich. In dieser Oper besingen die Mannen im Walde mit reichsdeutschem Pathos „das alte fröhliche freie, das gute Engelland“, das Mädchen Marian barmt tränenreich um seinen Robin, und Geächtete wandeln sich auf einen Wink König Richards zu ergebenen Untertanen. Es ist kaum auszuhalten. Das Libretto von Reinhard Mosen ist schlimm, Albert Dietrichs Musik ist schlimmer. Der Schumann-Schüler lässt es ungeniert wagnern und webern, die Gesänge der wackeren Waldläufer kopieren deutsches Männerchorliedgut von Schubert abwärts, und die Hornisten im Graben müssten Erschwerniszulagen bekommen angesichts des Dauertutens, mit dem sie Waldatmosphäre erzeugen müssen. Entweder man lässt eine solche Oper da, wo sie hingehört: auf dem Kehrichthaufen der Musikgeschichte. Oder man findet einen Regisseur, dem etwas einmalig Schräges dazu einfällt. Jürgen R. Weber – „er ist immer noch nicht erwachsen geworden“, stellte Intendant Guy Montavon, ein alter Kumpel und Studienkollege Webers, erfreut fest – ist der Richtige für den Job. Sein Regiekonzept, nachzulesen im Programmheft, tönt mächtig ernst; da ist von „Fackelträgern einer idealen Welt“ die Rede, von „Widersprüchen einer geordneten Gesellschaft“. Worte für die Galerie. In Wahrheit geht es um schieren Spaß am Parodieren. Hier muss nicht nur die rittertümelnde Spätromantik die Strumpfhosen runterlassen, hier kriegt auch das aktuelle Opernpublikum eine Breitseite: als Spießerhaufen, angeführt vom Oberspießer, dem Sheriff von Nottingham (Vazgen Ghazaryan).

In Erfurt sind Robin und seine Mannen Traumtänzer, anachronistisch in doppelter Hinsicht: Ihre Gewänder entstammen der Robin-Hood-Verfilmung anno 1922, ihre Sprüche der Sponti-Bewegung der 70er Jahre („Sprengt alle Opernhäuser!“). Statt der verzichtbaren Arientexte werden Erläuterungen à la Stummfilm eingeblendet und vom Sponti konterkariert. „Robin Hood singt von der Liebe.“ – „Sollte er nicht eher von der Revolution singen?“ Ach ja, die Revolution: Bei den Mannen in Strumpfhosen ist sie ein Dauerzustand, ein vages beliebiges Dagegensein. Auf der Leinwand, die das Bühnenbild ergänzt oder gleich völlig ersetzt, ist Platz für selbst ernannte Revolutionäre aller Art – Che, Mao, Gaddafi – und für Filmbilder einer Erfurter Mai-Demo, auf denen man nicht nur Bodo Ramelow erkennt, sondern auch den Regisseur mit seinem „Free Robin“-Transparent. Es gibt nichts, was er mit dieser Oper nicht vereimert. Bloß nicht ernst nehmen! Einfach zurücklehnen und genießen! Wer Sinn hat für YouTube-Ästhetik, schnelle Schnitte und schrägen, bissigen, eindeutig-zweideutigen Witz und das traf auf einen Großteil des Premierenpublikums zu , der wird sich königlich amüsieren. Etwa über die minniglichen Maiden Marian (Ilia Papandreou) und Ellen (Christa Maria Dalby), die sich in erstaunlicher Geschwindigkeit aus ihren Sammetgewändern pellen. Oder über die Waffenbrüder Robin (Markus Petsch) und Little John (Sebastian Pilgrim), die von ihren Mädchen schwärmen, in Wahrheit aber aufeinander scharf sind. Richard Löwenherz (Peter Schöne) entpuppt sich als König der Schwulen und macht im Schottenröckchen bella figura. Und weil die Solisten – insbesondere Peter Schöne und Ilia Papandreou exzellent sind, weil der Opernchor begeistert und das Philharmonische Orchester unter Leitung von Johannes Pell das Bestmögliche aus der Partitur herausholt, kann man sich in der einen oder anderen Szene oder in einem der homoerotischen Liebesduette beinahe mit Dietrichs Musik versöhnen. Beinahe.

 

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Über Jürgen R. Weber

Jürgen R. Weber wurde in Hamburg geboren und wollte in jungen Jahren Heldentenor werden. Da er aber Bariton und zudem sängerisch unglaublich unbegabt war, studierte er bei Götz Friedrich Musiktheater-Regie. Nachdem er das Studium mit einer etwas exzentrischen, eigenen Fassung von “Die lustige Witwe” abgeschlossen hatte, komponierte er Musik für Werbefilme (”Tesakrepp Fensterdicht”). Für eine freie Gruppe schrieb und inszenierte er die Biopera “Die Rose des Himmels” über das Leben von Claudio Monteverdi. Dann wandte er sich dem Fernsehen zu um dort keine Opern sondern Seifenopern wie “GZSZ” und “Sturm der Liebe” zu spielleitern. Verschiedenen Arztserien diente er als Regisseur und Autor und auch das Serienentwickeln, (”Verliebt in Berlin”), konnte er nicht lassen. Daneben frönte er auch dem pädagogischen Eros und war u.a. Dozent für Regie an der Universität der Künste Berlin. Nach verschiedenen Kinderserien (”Die Graslöwen”, “Siebenstein”, “Löwenzahn reloaded”) zog es ihn schließlich wieder unbarmherzig zum Musiktheater und er inszenierte in Erfurt “Die Leiche im Sack”, in Leipzig “Der Graf von Luxemburg” und in Chemnitz die „Rose vom Liebesgarten“.Er inszenierte „Robin Hood“ in Erfurt „Die Lustige Witwe“ in Würzburg und „Swanhunter“ in Chemnitz. 2013 übernahm er bei der erfolgreichen Uraufführung von "MOLLY EYRE", von Tamsin Kate Walker die Regie und Ausstattung. Er arbeitet an der Musik und dem Libretto der Musicals "OKTOBERFEST" und "4Groschenoper". Außerdem schreibt und komponiert er regelmäßig für seine Zombie-Oper "WTF or a male feminists rape fantasy", vom dem Teile im September 2012 im Ballhaus Rixdorf in Berlin aufgeführt wurden. Bei der Inszenierung von DER TRAUM EIN LEBEN 2014 an der Oper Bonn war er nicht für die Regie verantwortlich, sondern übernahm auch die Rolle des "Mannes vom Felsen". Danach inszenierte er dort DIE WINTERREISE und HOLOFERNES. In Oldenburg inszenierte er HERCULES. Dabei übernahm Jürgen auch Bühnenbild und Kostüme. 2017 inszeniert er bei den Domstufenfestspielen Erfurt IL TROVATORE von Giuseppe Verdi. 2018 wird er die von ihm und Charles Hart geschriebene Oper MARX IN LONDON in Bonn inszenieren.
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