21.03.2011 Joachim Lange

Robin Hood.

Albert Dietrich hat die weichgespülte Opernversion einer populären Geschichte geschrieben und Erfurt prüft, was sie uns heute noch zu sagen hat.

Beschreibung:

Mit den Uraufführungsplänen für seine Robin-Hood-Oper war der langjährige Oldenburger Kapellmeister Albert Dietrich in Leipzig von Wagners «Walküre» ausgestochen worden. In Frankfurt kam er dann 1879 doch noch zum Zuge, worauf ein kurzes Nachleben für sein Opus folgte. Dem Erfurter Ausgrabungsehrgeiz ist es jetzt zu danken, dass sich das heutige Publikum selbst eine Meinung darüber bilden kann, ob die Verbannung, in die die Rezeptionsgeschichte diesen «Robin Hood» geschickt hat, nicht doch eher ein Gnadenakt ist.

Sicher, man hört, dass Albert Dietrich (1829-1908) Robert Schumann bewundert hat. Man hört auch, dass er sich mit dem damaligen Überkomponisten Wagner auskannte. Doch über musikalische Romantikmeterware kommt sein um ein paar nette melodische Einfälle kreisendes Orchestergeplapper nicht hinaus. Selbst wenn Ilja Papandreou als Marian sich die betende Innigkeit bei Elsa borgt, klingt alles höchstens brav um den Text gerankt und ausgearbeitet. Haften bleibt da kaum etwas, auch wenn sich Johannes Pell am Pult des Philharmonischen Orchesters mit Lust ins Zeug legt.

Auch die Story ist in der Version von Reinhard Mosen allzu weichgespült. Heute würde man sagen: jugendfrei und vorabendtauglich. Ohne den sozialen Sprengstoff des Reichtum-Umverteilers Robin. Peter Schöne sorgt als schmucker Richard Löwenherz mit schwulem Tuch und gut bei Stimme nicht nur fürs Happy End. Er wartet gleich in der zweiten Szene mit seinem Toleranzedikt für die Gutmenschen aus Sherwood Forest auf. Er verbietet ihnen nur den Gang nach Nottingham. Da Robin und Little John aber gerade beschlossen hatten, ihre Bräute vom dortigen Maifest zu entführen, gibt es einen Mords-Ärger. Nur ein Gnadenakt des Königs rettet Robin vor dem Galgen.

Zum Glück ist Jürgen R. Weber kein Mann für historische Ehrfurcht. Neben den sich mit Vehemenz um den Tenorstrahlemann Markus Petsch als Robin in die bogenschwingende Brust werfenden und mit dem strumpfbehosten Bein aufstampfenden Helden, macht der Götz Friedrich–Schüler und GZSZ-erfahrene Regisseur auch dem Britenkönig und den Nottinghamer Spießbürgern, die aussehen wie das aktuelle Opernpublikum, aus dem Geiste Monty Pythons Beine. Er spielt übermütig mit den Klischees des Mythos und der großen romantischen Operngeste, lässt die Übertitel weg, mischt sich aber mit flotten Sponti-Sprüchen im eingeblendeten Videowald ebenso ins Geschehen ein, wie er im Schottenrock und mit einem «Robin free»-Schild bei einer Antifa-Kundgebung in Erfurt aufgekreuzt war. Wodurch er die Erfurter Politprominenz unfreiwillig mitspielen lässt. Ironisch gebrochen jubelt er obendrein Dietrichs Pfeil-und-Bogen-Schmonzette sogar den sozialen Kontext unter, den sich Robin Hood in seinem Nachleben erarbeitet hat. Das ist gekonnt und macht den Darstellern und dem Publikum Spaß.

Bewertung:
Es bleibt auch dann verdienstvoll, sich ums Vergessene zu kümmern und dabei die Fähigkeiten des Hauses zu mobilisieren, wenn herauskommt, dass die Rezeptionsgeschichte in diesem Fall keinen großen Fehler gemacht hat. Zu retten ist diese Oper wohl nicht. Dank der flippig-einfallsreichen Regie aber ist der Abend in Erfurt zumindest äußerst unterhaltsam. Und das man sich danach auf den nächsten «Freischütz»oder «Lohengrin» freut, hat ja auch sein Gutes.


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Über Jürgen R. Weber

Jürgen R. Weber wurde in Hamburg geboren und wollte in jungen Jahren Heldentenor werden. Da er aber Bariton und zudem sängerisch unglaublich unbegabt war, studierte er bei Götz Friedrich Musiktheater-Regie. Nachdem er das Studium mit einer etwas exzentrischen, eigenen Fassung von “Die lustige Witwe” abgeschlossen hatte, komponierte er Musik für Werbefilme (”Tesakrepp Fensterdicht”). Für eine freie Gruppe schrieb und inszenierte er die Biopera “Die Rose des Himmels” über das Leben von Claudio Monteverdi. Dann wandte er sich dem Fernsehen zu um dort keine Opern sondern Seifenopern wie “GZSZ” und “Sturm der Liebe” zu spielleitern. Verschiedenen Arztserien diente er als Regisseur und Autor und auch das Serienentwickeln, (”Verliebt in Berlin”), konnte er nicht lassen. Daneben frönte er auch dem pädagogischen Eros und war u.a. Dozent für Regie an der Universität der Künste Berlin. Nach verschiedenen Kinderserien (”Die Graslöwen”, “Siebenstein”, “Löwenzahn reloaded”) zog es ihn schließlich wieder unbarmherzig zum Musiktheater und er inszenierte in Erfurt “Die Leiche im Sack”, in Leipzig “Der Graf von Luxemburg” und in Chemnitz die „Rose vom Liebesgarten“.Er inszenierte „Robin Hood“ in Erfurt „Die Lustige Witwe“ in Würzburg und „Swanhunter“ in Chemnitz. 2013 übernahm er bei der erfolgreichen Uraufführung von "MOLLY EYRE", von Tamsin Kate Walker die Regie und Ausstattung. Er arbeitet an der Musik und dem Libretto der Musicals "OKTOBERFEST" und "4Groschenoper". Außerdem schreibt und komponiert er regelmäßig für seine Zombie-Oper "WTF or a male feminists rape fantasy", vom dem Teile im September 2012 im Ballhaus Rixdorf in Berlin aufgeführt wurden. Bei der Inszenierung von DER TRAUM EIN LEBEN 2014 an der Oper Bonn war er nicht für die Regie verantwortlich, sondern übernahm auch die Rolle des "Mannes vom Felsen". Danach inszenierte er dort DIE WINTERREISE und HOLOFERNES. In Oldenburg inszenierte er HERCULES. Dabei übernahm Jürgen auch Bühnenbild und Kostüme. 2017 inszeniert er bei den Domstufenfestspielen Erfurt IL TROVATORE von Giuseppe Verdi. 2018 wird er die von ihm und Charles Hart geschriebene Oper MARX IN LONDON in Bonn inszenieren.
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