Robin Hood

von Albert Dietrich (1829-1908), Oper in drei Akten, Libretto: Reinhard Mosen, UA: 6. April 1879, Frankfurt a.M.

Regie: Jürgen R. Weber, Bühne/Kostüme: Hank Irwin Kittel, Video Artist: Sven Klaus

Dirigent: Johannes Pell, Philharmonisches Orchester und Chor, Choreinstudierung: Andreas Ketelhut Erfurt

Solisten: Peter Schöne (Richard Löwenherz), Markus Petsch (Robin Hood), Sebastian Pilgrim (John), Ilia Papandreou (Marian), Christa Maria Dalby (Ellen), Malwina Makala (Ralf) u.a.

Besuchte Aufführung: 20. März 2011 (Premiere)

Kurzinhalt

Robin Hood lebt mit seinen Freunden als Geächtete im Sherwood Forest und bestiehlt aus Protest gegen die unterdrückende Herrschaft des Sheriffs von Nottingham in Abwesenheit des rechtmäßigen Herrschers König Richard Löwenherz die Reichen, um die Armen zu beschenken. Außerdem ist er in Marian, das Mündel des Sheriffs verliebt. Diese soll gegen ihren Willen verheiratet werden, doch Robin will sie beim Maifest entführen und somit von ihrem Schicksal erlösen. Unerwartet erscheint Richard Löwenherz nach langer Gefangenschaft im Heiligen Land unerkannt im Wald und gibt sich erst später Robin zu erkennen. Er erlaubt den Rebellen im Wald zu walten, aber sie dürfen die Bewohner von Nottingham nicht verärgern. Die geplante Entführung Marians mißlingt und Robin wird von den aufgebrachten Bürgern festgenommen. Sie verlangen vom König die Todesstrafe. Dieser aber stellt Robin auf eine Probe. Er bietet ihm eine Stellung am Hofe an, welche Robin aus Treue zu Marian ablehnt. Damit hat er den Test bestanden. Löwenherz adelt Robin und schenkt ihm die Freiheit.

Aufführung

Wer einen üppigen Wald und mittelalterliche Schloßansichten bei dieser Oper erwartet, wird wohl enttäuscht sein. Das eher Brechtsche Bühnenbild der Erfurter Inszenierung überrascht mit einer amüsanten Videoprojektion, welche über den gesamten Opernverlauf den hinteren Bühnenraum dominiert. Schwarz-weiß skizzierte Bäume müssen für den Wald herhalten und auch das königliche Schloß muß mehr erdacht als gesehen werden. Zwei spitz zueinander laufende Stege führen über den Orchestergraben hinweg bis in die ersten Sitzreihen des Zuschauerraums und bieten den Sängern eine zusätzliche Raumnutzung.

Der Vorhang öffnet sich mit den ersten Klängen des Orchesters, zwei Bühnentechniker räumen unansehnliche Stühle an ihre Plätze und die Videoprojektion zeigt maskierte Waldrebellen im Foyer des Erfurter Theaters Jagd auf unbedarfte Gäste in mondäner Abendgarderobe machen. Das Motto des Opernabends wird von Anfang an klar ersichtlich. Während Robin und seine Gefolgschaft als auch Marian und dessen Freundin Ellen zunächst noch in mittelalterlichen Gewändern aus Samt und Leder auftreten, erscheint König Löwenherz in roter Ausgehuniform very british und die Bürger Nottinghams samt ihres Sheriffs und dessen Familie erinnern in ihren Anzügen, Abendkleidern und den altmodischen Frisuren an die gehobene Gesellschaft der 70er und 80er Jahre.

Sänger und Orchester

Unter der in sich ruhenden, souveränen Leitung von Johannes Pell, die man, dank Videoübertragung, teilweise auch auf der Bühne erleben kann, zeigt sich das Philharmonische Orchester Erfurt erfreulich spielerisch. Dank der Bühnenerweiterung in den Zuschauerraum hinein überlagert der klangvolle Orchesterapparat dieses Mal in keiner Weise die singenden Kollegen. Der österreichische Titelheld Markus Petsch wird sowohl darstellerisch als auch sängerisch den Ansprüchen seiner Rolle gerecht, fällt aber im direkten Vergleich zu Peter Schönes überaus natürlichen, dabei nicht albernd wirkenden, androgynen Darstellung des in dieser Inszenierung wohl Männer liebenden König Löwenherz’ eindeutig ab. Dessen schmeichelnder, abgerundeter und technisch einwandfreier Bariton berührt trotz des Witzes seines Spieles Herz und Seele des Hörers. Wiederholt überraschte auch seine besondere Textverständlichkeit im Gegensatz zu manch anderem. Sebastian Pilgrims (John) voluminöser Baß und seine Darstellung der treuherzig-spaßigen Kumpane rundete das Männertrio ab. Ilia Papandreou als naiv-laszive Marian eroberte mit ihrem kraftvollen, dunkel timbrierten Sopran das Erfurter Publikum. Ihr zur Seite stand die quirlig-spritzige Christa Maria Dalby als Ellen, deren schwerelose und agile Stimme einen perfekten Ausgleich schaffte. Malwina Makala (Ralf) erfreute mit ihrem jugendlichem Sopran und keckem Spiel. Die raufwütigen, individuell inszenierten und stimmlich harmonisierenden Männer des Erfurter Opernchores als Robins Mannen rundeten das Ensemble gekonnt ab.

Fazit

Es kann nicht verleugnet werden, daß Albert Dietrichs spätromantische Oper in Hinsicht auf Musik und Text eher an einen verspäteten Freischütz erinnert, doch erreicht das parodistische, mit regionalgeschichtlichen Bezügen gespickte Regiekonzept der Erfurter Ausgrabung ein Abschütteln jeglichen Staubes und beweist, daß Vergessenes im richtigen Kontext leicht zu aktuellem Tagesgeschehen einen künstlerisch wertvollen Beitrag leisten kann. Dem Einen oder Anderem können zwar die vielen linksrevolutionären Parolen à la Heul nicht Genosse! Tu was! auf die Dauer zu viel werden, aber am Ende des Abends geht man vergnügt aus dem Kunstpalast.

Josephin Wietschel

Bild: L. Edelhoff

Das Bild zeigt: Peter Schöne (Löwenherz) hat einen Plan zur Rettung Markus Petsch (Robin)

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3. Aufführung vom 2. April 2011

Hier könnt ihr Kommentare zur 3. Aufführung vom 2. April 2011 von „Robin Hood“ hinterlassen. NUR NOCH 4 MAL „ROBIN HOOD“!!!! Diesmal ist  nur mein Astralleib anwesend. Schreibt hier wie ihr’s fandet, welche Gedanken euch gekommen sind und welche Visionen.   Live long and prosper!

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2. Aufführung vom 27.3.2011

Wer will kann hier Kommentare zur 2. Auffürung vom 27.3.2011 hinterlassen. Würd mich freuen…

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Robin

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„Robin Hood“ als Regiestreich an der Neuen Oper Erfurt // Thüringer Allgemeine

Porträt
  • Die Oper „Robin Hood“ von Albert Dietrich ist am Theater Erfurt zu sehen. Im Bild v.l.n.r.: Peter Schöne als Richard Löwenherz und Markus Petsch als Robin Hood. Foto: Marco Kneise
Versenkt diese Oper. Verbuddelt sie, wo der Sherwood Forest am tiefsten ist. Robin Hood von Albert Dietrich ist überholt, epigonal, einfach peinlich. So etwas auf die Bühne zu stellen, das braucht mehr als Mut, das braucht Unverfrorenheit. Das braucht ein Opernhaus, das sich was traut, und einen Regisseur mit sehr robustem Humor. So, nur so, geht es. Und so gewinnt Erfurt ein großes Trash-Vergnügen.

Erfurt. Wollte jemand „Robin Hood“ in vollem Ernst inszenieren, er machte sich lächerlich. In dieser Oper besingen die Mannen im Walde mit reichsdeutschem Pathos „das alte fröhliche freie, das gute Engelland“, das Mädchen Marian barmt tränenreich um seinen Robin, und Geächtete wandeln sich auf einen Wink König Richards zu ergebenen Untertanen. Es ist kaum auszuhalten. Das Libretto von Reinhard Mosen ist schlimm, Albert Dietrichs Musik ist schlimmer. Der Schumann-Schüler lässt es ungeniert wagnern und webern, die Gesänge der wackeren Waldläufer kopieren deutsches Männerchorliedgut von Schubert abwärts, und die Hornisten im Graben müssten Erschwerniszulagen bekommen angesichts des Dauertutens, mit dem sie Waldatmosphäre erzeugen müssen. Entweder man lässt eine solche Oper da, wo sie hingehört: auf dem Kehrichthaufen der Musikgeschichte. Oder man findet einen Regisseur, dem etwas einmalig Schräges dazu einfällt. Jürgen R. Weber – „er ist immer noch nicht erwachsen geworden“, stellte Intendant Guy Montavon, ein alter Kumpel und Studienkollege Webers, erfreut fest – ist der Richtige für den Job. Sein Regiekonzept, nachzulesen im Programmheft, tönt mächtig ernst; da ist von „Fackelträgern einer idealen Welt“ die Rede, von „Widersprüchen einer geordneten Gesellschaft“. Worte für die Galerie. In Wahrheit geht es um schieren Spaß am Parodieren. Hier muss nicht nur die rittertümelnde Spätromantik die Strumpfhosen runterlassen, hier kriegt auch das aktuelle Opernpublikum eine Breitseite: als Spießerhaufen, angeführt vom Oberspießer, dem Sheriff von Nottingham (Vazgen Ghazaryan).

In Erfurt sind Robin und seine Mannen Traumtänzer, anachronistisch in doppelter Hinsicht: Ihre Gewänder entstammen der Robin-Hood-Verfilmung anno 1922, ihre Sprüche der Sponti-Bewegung der 70er Jahre („Sprengt alle Opernhäuser!“). Statt der verzichtbaren Arientexte werden Erläuterungen à la Stummfilm eingeblendet und vom Sponti konterkariert. „Robin Hood singt von der Liebe.“ – „Sollte er nicht eher von der Revolution singen?“ Ach ja, die Revolution: Bei den Mannen in Strumpfhosen ist sie ein Dauerzustand, ein vages beliebiges Dagegensein. Auf der Leinwand, die das Bühnenbild ergänzt oder gleich völlig ersetzt, ist Platz für selbst ernannte Revolutionäre aller Art – Che, Mao, Gaddafi – und für Filmbilder einer Erfurter Mai-Demo, auf denen man nicht nur Bodo Ramelow erkennt, sondern auch den Regisseur mit seinem „Free Robin“-Transparent. Es gibt nichts, was er mit dieser Oper nicht vereimert. Bloß nicht ernst nehmen! Einfach zurücklehnen und genießen! Wer Sinn hat für YouTube-Ästhetik, schnelle Schnitte und schrägen, bissigen, eindeutig-zweideutigen Witz und das traf auf einen Großteil des Premierenpublikums zu , der wird sich königlich amüsieren. Etwa über die minniglichen Maiden Marian (Ilia Papandreou) und Ellen (Christa Maria Dalby), die sich in erstaunlicher Geschwindigkeit aus ihren Sammetgewändern pellen. Oder über die Waffenbrüder Robin (Markus Petsch) und Little John (Sebastian Pilgrim), die von ihren Mädchen schwärmen, in Wahrheit aber aufeinander scharf sind. Richard Löwenherz (Peter Schöne) entpuppt sich als König der Schwulen und macht im Schottenröckchen bella figura. Und weil die Solisten – insbesondere Peter Schöne und Ilia Papandreou exzellent sind, weil der Opernchor begeistert und das Philharmonische Orchester unter Leitung von Johannes Pell das Bestmögliche aus der Partitur herausholt, kann man sich in der einen oder anderen Szene oder in einem der homoerotischen Liebesduette beinahe mit Dietrichs Musik versöhnen. Beinahe.

 

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21.03.2011 Joachim Lange

Robin Hood.

Albert Dietrich hat die weichgespülte Opernversion einer populären Geschichte geschrieben und Erfurt prüft, was sie uns heute noch zu sagen hat.

Beschreibung:

Mit den Uraufführungsplänen für seine Robin-Hood-Oper war der langjährige Oldenburger Kapellmeister Albert Dietrich in Leipzig von Wagners «Walküre» ausgestochen worden. In Frankfurt kam er dann 1879 doch noch zum Zuge, worauf ein kurzes Nachleben für sein Opus folgte. Dem Erfurter Ausgrabungsehrgeiz ist es jetzt zu danken, dass sich das heutige Publikum selbst eine Meinung darüber bilden kann, ob die Verbannung, in die die Rezeptionsgeschichte diesen «Robin Hood» geschickt hat, nicht doch eher ein Gnadenakt ist.

Sicher, man hört, dass Albert Dietrich (1829-1908) Robert Schumann bewundert hat. Man hört auch, dass er sich mit dem damaligen Überkomponisten Wagner auskannte. Doch über musikalische Romantikmeterware kommt sein um ein paar nette melodische Einfälle kreisendes Orchestergeplapper nicht hinaus. Selbst wenn Ilja Papandreou als Marian sich die betende Innigkeit bei Elsa borgt, klingt alles höchstens brav um den Text gerankt und ausgearbeitet. Haften bleibt da kaum etwas, auch wenn sich Johannes Pell am Pult des Philharmonischen Orchesters mit Lust ins Zeug legt.

Auch die Story ist in der Version von Reinhard Mosen allzu weichgespült. Heute würde man sagen: jugendfrei und vorabendtauglich. Ohne den sozialen Sprengstoff des Reichtum-Umverteilers Robin. Peter Schöne sorgt als schmucker Richard Löwenherz mit schwulem Tuch und gut bei Stimme nicht nur fürs Happy End. Er wartet gleich in der zweiten Szene mit seinem Toleranzedikt für die Gutmenschen aus Sherwood Forest auf. Er verbietet ihnen nur den Gang nach Nottingham. Da Robin und Little John aber gerade beschlossen hatten, ihre Bräute vom dortigen Maifest zu entführen, gibt es einen Mords-Ärger. Nur ein Gnadenakt des Königs rettet Robin vor dem Galgen.

Zum Glück ist Jürgen R. Weber kein Mann für historische Ehrfurcht. Neben den sich mit Vehemenz um den Tenorstrahlemann Markus Petsch als Robin in die bogenschwingende Brust werfenden und mit dem strumpfbehosten Bein aufstampfenden Helden, macht der Götz Friedrich–Schüler und GZSZ-erfahrene Regisseur auch dem Britenkönig und den Nottinghamer Spießbürgern, die aussehen wie das aktuelle Opernpublikum, aus dem Geiste Monty Pythons Beine. Er spielt übermütig mit den Klischees des Mythos und der großen romantischen Operngeste, lässt die Übertitel weg, mischt sich aber mit flotten Sponti-Sprüchen im eingeblendeten Videowald ebenso ins Geschehen ein, wie er im Schottenrock und mit einem «Robin free»-Schild bei einer Antifa-Kundgebung in Erfurt aufgekreuzt war. Wodurch er die Erfurter Politprominenz unfreiwillig mitspielen lässt. Ironisch gebrochen jubelt er obendrein Dietrichs Pfeil-und-Bogen-Schmonzette sogar den sozialen Kontext unter, den sich Robin Hood in seinem Nachleben erarbeitet hat. Das ist gekonnt und macht den Darstellern und dem Publikum Spaß.

Bewertung:
Es bleibt auch dann verdienstvoll, sich ums Vergessene zu kümmern und dabei die Fähigkeiten des Hauses zu mobilisieren, wenn herauskommt, dass die Rezeptionsgeschichte in diesem Fall keinen großen Fehler gemacht hat. Zu retten ist diese Oper wohl nicht. Dank der flippig-einfallsreichen Regie aber ist der Abend in Erfurt zumindest äußerst unterhaltsam. Und das man sich danach auf den nächsten «Freischütz»oder «Lohengrin» freut, hat ja auch sein Gutes.


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Nach der Premiere ist vor der Premiere.

Hallihallo! Schreibt bitte wie euch „Robin Hood“ gefallen hat. Auch konstruktive Kritik ist herzlich willkommen.

 

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Probentagebuch Letzter Eintrag

So. Wir haben die Generalprobe überlebt. Das ist schon mal ganz gut. Trotzdem haben wir, (Sven Klaus und ich), die Nacht hindurch noch an den Projektionen gearbeitet. Ich hoffe, dass wir die Änderungen noch heute ins System eingeben können ohne Verwirrungen auszulösen. Ich bin sicher Marion und Gregor bekommen das auf die Reihe. Ich weiß, dass es viel verlangt ist noch vor der Premiere komplexe Ablaufänderungen durchzuführen, aber es ist notwendig um das Ende klarer zu gestalten. Mal sehen ob es klappt. Auf jeden Fall raune ich mir selbst und allen Beteiligten ein herzvolles „Toi Toi Toi“ zu.

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Robin Hood auf der Erfurter Opernbühne

Porträt
  • Drama unter dem Galgen: Jörg Rathmann sieht als Jeremias in diesem Probenfoto dem Unvermeidlichen entgegen. Foto: Lutz Edelhoff
Jeder kennt Robin Hood. Keiner kennt Albert Dietrich. Dabei hat dieser Dietrich, Schüler Robert Schumanns und zu seiner Zeit ein geachteter Komponist, dem Geächteten vom Sherwood Forest eine abendfüllende Oper gewidmet.

Erfurt. Das 1879 uraufgeführte Werk verschwand allerdings um die Jahrhundertwende in der Versenkung. An der Neuen Oper Erfurt kehrt Robin Hood jetzt auf die Bühne zurück. Der Stoff war ungewöhnlich. Historische Themen hatten in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts Konjunktur, gerade das Mittelalter war en vogue; allerdings veroperte man, siehe Wagner, vorzugsweise Altdeutsches oder Germanisches. Robin Hood, der englische Volksheld, der Gesetzlose, der Rebell, scheint den Ansprüchen an einen hehren spätromantischen Opernhelden nicht zu genügen. So, wie Albert Dietrich und sein Librettist Reinhard Mosen den Stoff auffassten, passt er letztlich aber doch ins Schema. „Die Oper nimmt Richard Löwenherz deutlich in den Fokus“, beschreibt Arne Langer, Chefdramaturg der Neuen Oper Erfurt, „ihre Botschaft ist, dass man gegen einen äußeren Feind zusammenhalten muss.“ Die Sachsen gegen die französischsprachigen Normannen, das war nahe am deutschen Zeitgeist in den Jahren nach der Reichsgründung. Und König Richard übernahm die Rolle des Monarchen, der das Volk eint – auch dessen zur Rebellion neigende Teile. So wollte man Wilhelm I. gerne sehen. Derartig preußisch und staatstragend interpretiert Regisseur Jürgen R. Weber die Oper naturgemäß nicht. Ihn interessieren die Konflikte, die in dem Stoff stecken: zwischen den angepassten Bürgern von Nottingham und den Gesetzlosen im Wald, zwischen anarchischer Utopie und Realität. Seine Inszenierung, die am 20. März ihre Premiere erlebt, zeigt diese Brüche schon in der Ausstattung, sie spielt auf mehreren zeitlichen und gesellschaftlichen Ebenen. Robin Hood und seine Mannen bleiben die bekannten mittelalterlichen Helden in Strumpfhosen, „Kostüme und Ästhetik habe ich von dem Stummfilm mit Douglas Fairbanks von 1922 übernommen“, so Weber. Richard Löwenherz dagegen tritt als moderner englischer Monarch auf – und die Spießbürger von Nottingham finden ihre Entsprechung im Opernpublikum von heute. Wie dieser Kniff bei den Premierenbesuchern ankommt, darauf ist der Regisseur selbst gespannt. „Es ist schon ein wilder Mix.“ Die mittelalterliche Tracht von Robin Hood, Little John und Lady Marian trifft auf eine sehr heutige Bühnengestaltung. Jürgen R. Weber, bekennender Comicfan, stellt keine Waldkulisse auf die Bretter; lieber schafft er zeichnerische Räume, „das Artwork ist zum Teil von mir“. Eine wichtige Rolle spielen Filmeinblendungen. Die authentischen Bilder schnitten Weber und sein Team bei einer Erfurter Antifa-Maikundgebung mit. Das trug ihnen einen polizeilichen Platzverweis ein, aber auch die Demo-Szenen, die sie für „Robin Hood“ brauchten; das Opernpublikum wird in den Einblendungen einige bekannte Erfurter Politiker wiedererkennen. Die Opernhandlung fügt sich nahtlos ein: Robin Hood wurde gefangengenommen, seine Mannen schwenken ein „Free Robin“-Transparent. Und die Debatte um autonome Hausbesetzer und Sprayer wird plötzlich Opernstoff. „Schon mit ,Hänsel und Gretel nur für Erwachsene wollten wir zeigen, dass Oper heutige gesellschaftliche Themen verhandeln kann“, so Arne Langer, „mit ,Robin Hood funktioniert das ähnlich.“ Jürgen R. Weber sieht in Robin Hood auch „die linke Sehnsucht nach Führerfiguren“ verkörpert: „Wenn eine revolutionäre Bewegung an die Macht kommt, hört sie auf, revolutionär zu sein. Robin Hood passt sich an und akzeptiert die Machtverhältnisse, Little John muss ihn daran erinnern, dass das mit dem freien und gesetzlosen Leben im Wald mal anders gedacht war.“ Eine homoerotische Eifersuchtsgeschichte zwischen Robin, John und Richard, die Weber schon im Libretto angedeutet sieht, belastet das Verhältnis zusätzlich. Robin Hoods Dauerfreundin Marian kommt entsprechend wenig zum Zug; auch Little Johns Geliebte Ellen ist weitgehend abgemeldet. Aber immerhin gehört den beiden Frauen das herausragende Duett des Abends, „das klingt schon in der Ouvertüre an“, so Langer. „Marians Arien sind sowieso die schönsten“ – umso mehr, da Ilia Papandreou diesen Part singt. Die Rolle des Robin Hood übernimmt der Tenor Markus Petsch, als Richard Löwenherz tritt Bariton Peter Schöne auf, den Bass-Part von Little John singt Sebastian Pilgrim. Die musikalische Leitung obliegt Johannes Pell. Albert Dietrich gehörte zu denjenigen Komponisten, die Wagner und seine komplexe, den romantischen Rahmen sprengende Harmonik ablehnten. Das wurde ihm zum Verhängnis: Wagner setzte sich in der Oper dermaßen machtvoll durch, dass die Werke eines Dietrich oder Reinthaler vergleichsweise rückschrittlich wirken mussten und dem Vergessen anheim fielen. „Dabei steckt im ,Robin Hood jede Menge Wagner, sowohl musikalisch als auch in der Libretto-Struktur“, sagt Jürgen R. Weber. Wer im Sheriff von Nottingham den Beckmesser wiedererkennt, der liegt nicht falsch. Auch sonst verspricht die Opern-Ausgrabung „Robin Hood“ viele Entdeckungen – weit über den Mythos vom edlen Räuber hinaus. „Robin Hood“-Premiere: 20. März, 18 Uhr, Neuen Oper Erfurt

 

Frauke Adrians / 17.03.11 / TA
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Robin-Hood-Inszenierung bietet Akteuren variablen Spielraum

Porträt
  • Regisseur Jürgen R. Weber (l.), Sopranistin Ilia Papandreou und Tenor Markus Petsch. Foto: Lutz Edelhoff
Das Theater Erfurt gräbt konsequent weiter aus. Jüngstes Ergebnis: „Robin Hood“. Weitaus bekannter als der Komponist Albert Dietrich ist Regisseur Jürgen R. Weber, auch durch seine Mitarbeit bei TV-Serien wie GZSZ und Sturm der Liebe. TA-Mitarbeiterin Ursula Mielke sprach mit ihm sowie mit dem Darsteller der Titelpartie, Markus Petsch.

Wie kam die Oper „Robin Hood“ auf Sie? Jürgen R. Weber: Zunächst kannte ich nur die Sonate für Violine, die Dietrich für den damals bekannten Geiger und Brahms-Freund Joseph Joachim komponierte. Es ist eine gute, professionelle Musik. Dann habe ich mir den Klavierauszug der Oper angesehen und durchgespielt. Der Generalintendant hat mich gefragt, und ich sagte zu. Fast wäre die Arbeit nicht zustande gekommen, denn Generalmusikdirektor Gugerbauer findet das Werk zu langweilig. Letztendlich näherte ich mich dem Stoff vom Thema her. Es heißt, Sie inszenieren mit einem Fingerzeig auf die Angepasstheit heutiger Bürger bzw. auf deren Sehnsucht nach positiven Führerfiguren. Jürgen R. Weber: Zumindest gehe ich der Frage nach, was passiert, wenn eine Führerfigur zwar edlen Sinnes ist, aber aus dem Ruder läuft. Da besteht eine gewisse Eigendynamik. Es ist immer problematisch, ob einer aus dem rechten oder linken Spektrum kommt, wenn jemand sagt „Ich weiß, was gut für euch ist“. Ist es Widerstand, wenn Pflastersteine auf Polizisten geworfen oder Mercedes-Sterne abgebrochen werden? Doch ich erzähle keine Gut-Böse-Geschichte. Die Gesetzlosen der Oper können in verschiedene Masken schlüpfen. Der Komponist Albert Dietrich ist kein Wagner. Bietet er den Sängern dennoch anspruchsvolle Aufgaben? Ilia Papandreou: Lady Marian hat sehr schöne Melodien, die aber nicht schwer zu singen sind. Es ist wunderschöne deutsche Romantik, die ich sehr mag. Ein Liebesduett zwischen Robin und mir gibt es leider nicht. Jürgen R. Weber: Die beiden Reden über einander mit anderen, mit Freunden und Freundinnen. Das wird die Inszenierung auch reflektieren. Musikalisch ist Carl Maria von Weber das Bindeglied zwischen alt- und neudeutscher Schule. Markus Petsch: Es ist merkwürdig, einen englischen Stoff in typisch deutscher Romantik umzusetzen. Die Musik klingt sehr angenehm. Die Titelpartie ist nicht so wahnsinnig zentral, doch sehr eigenwillig im Rhythmischen, was man aber nicht unbedingt hört. Warum spielt die historische Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen? Jürgen R. Weber: In den Bürgern Nottinghams sehen wir die Erfurter. Ich verbinde Theaterraum und Räume der Stadt durch Filmeinspielungen mit stadtbekannten Persönlichkeiten und durch einen über den Orchestergraben gebauten Steg hinein ins Publikum. Das Bühnenbild hat Probebühnencharakter, was ich spannend finde. Der Normalbürger wird mit viel Humor aufgespießt. Wir teilen in alle Richtungen aus. Nochmal: Warum lohnt sich diese Ausgrabung? Ilia Papandreou: Es ist eine gute, beliebte Geschichte, schöne Musik und eine Inszenierung, die bestimmt auch Jugendliche anspricht. Gerade die Inszenierung macht diese Oper interessant und leichter verständlich. Markus Petsch: Es wird keiner aus dem Theater gehen und den Abend für verloren halten. Jürgen R. Weber: Die Oper verspricht einen sehr erfreulichen Abend, und manch einer wird „Robin Hood“ vielleicht mehrmals anschauen, denn es gibt für Sänger und Schauspieler viele ad libitum eingesetzte Elemente, das heißt jede Show wird anders. Ich bin überzeugt, dass meine 83-jährige Mutter und vier meiner Kinder im Alter von 12 bis 18 Jahren viel Spaß haben und die Aufführung aus verschiedenen Perspektiven ansehen werden.

 

Ursula Mielke / 17.03.11 / TA
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